Elizabeth Holmes und der Fall Theranos: Geschichte eines Betrugsskandals

Das Medizin-Startup Theranos versprach, Bluttests zu revolutionieren. Doch die Technik funktionierte nicht: Kunden bekamen falsche Diagnosen, Investoren verloren ihr Geld.

EQS Editorial Team
Auf einen Blick

Als 19-Jährige gründete Elizabeth Holmes ihr Unternehmen Theranos. Mit nur wenigen Tropfen Blut wollte das Unternehmen zahlreiche Bluttests durchführen und auf diese Weise Laboruntersuchungen revolutionieren. Ein Jahr später brach Holmes ihr Studium an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford ab, um sich ganz auf Theranos zu konzentrieren. Mit 31 Jahren war sie eine gefeierte Jungunternehmerin im männlich dominierten Silicon Valley. Theranos hatte einen Wert von 9 Mrd. Dollar, Holmes war die jüngste Selfmade-Milliardärin der USA.

Elizabeth Holmes und der Fall Theranos: Geschichte eines Betrugsskandals

Jetzt, mit 37 Jahren, steht Holmes in Kalifornien wegen Betrugs vor Gericht. Aufgedeckt wurde er durch die Enthüllungen eines Whistleblower und die Recherchen eines Reporters vom Wall Street Journal: Die mehr als 200 Bluttests, die Theranos bewarb, konnte deren eigens entwickelte Labor-Maschine „Edison“ nicht im Ansatz selbst durchführen. Die Ergebnisse der wenigen Tests, die das Gerät bewältigte, waren fehlerhaft und unzuverlässig. Patienten erhielten Fehldiagnosen von Diabetes bis Krebs. Holmes versprach den Investoren außerdem einen wesentlich höheren Unternehmensgewinn als Theranos tatsächlich erwirtschaftete. Für all diese Vorwürfe muss sie sich jetzt vor Gericht verantworten, Ende August hat die Juryauswahl begonnen. Holmes drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick auf den Fall Theranos:

Die Idee

In ihrem ersten Studienjahr an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford entwickelte Elizabeth Holmes 2003 die Idee, einen Patch herzustellen, der mikroskopisch kleine Blutproben auf ansteckende Krankheiten testen und zur Behandlung Antibiotika dosieren sollte. Holmes reichte sogar die nötigen Papiere ein, um ein Patent darauf zu erwerben.

Daraus entstand wenig später die Geschäftsidee von Theranos: Patienten sollten für Bluttests nicht länger mehrere Röhrchen voller Blut abgeben müssen. Stattdessen sollten wenige Blutstropfen genügen, um nach Markern für Cholesterin, Diabetes, Krebs und andere Krankheiten zu suchen. Die Proben wurden mit einem dafür entwickelten Blutabnahmestift entnommen (ähnlich wie beim Messen des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern) und im eigens von der Firma entwickelten Mini-Laborgerät namens „Edison“ analysiert.

Theranos versprach, Bluttests einfacher, schneller und günstiger zu machen. Patienten hätten nicht nur vom schmerzloseren Verfahren, sondern auch von günstigeren Tests profitiert, für die im amerikanischen Gesundheitssystem hohe Kosten anfallen können. Damit hätte das Unternehmen amerikanische Marktführer wie Labcorp und Quest Diagnostics in Bedrängnis gebracht, die für Tests röhrchenweise Blut abnehmen und Ergebnisse erst nach mehreren Tagen liefern. Holmes‘ Geschäftsidee versprach Milliardenumsätze.

Der Aufstieg

Nachdem sie ihr Studium in Stanford abgebrochen hatte, nutzte Holmes das von ihren Eltern für ihre Ausbildung gesparte Geld als Startkapital für Theranos. Sie überzeugte ihren Stanford-Professor Channing Robertson von ihrer Idee und gewann ihn als erstes Vorstandsmitglied. Robertson brachte Holmes mit Risikokapitalgebern in Kontakt, bis Ende 2004 sammelte sie 6 Mio. Dollar Kapital ein. Zunächst agierte das Unternehmen im „stealth mode“: ohne Unternehmenswebsite oder Pressemeldungen. Obwohl Holmes ab 2013 ins Rampenlicht trat und schnell zum Medienstar wurde, sollte die geheimnisvolle Aura um Theranos bis zum Fall des Unternehmens fortbestehen.

Holmes soll Apple-Gründer Steve Jobs verehrt und nachgeeifert haben: Sie heuerte Apple-Designer für das Produktdesign des Laborgeräts „Edison“ an und trat bald nur noch in schwarzen Rollkragenpullovern auf. Holmes begann außerdem mit einer tieferen Stimme zu sprechen.

Mit diesem Image trat sie 2013 an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später schloss das Unternehmen eine Partnerschaft mit der US-Drogeriekette „Walgreens“ ab. In über 40 Filialen sollten Theranos-Tests angeboten werden. Holmes versprach, die Theranos-Bluttests würden bald in nur 5 Meilen Entfernung von jedem amerikanischen Haushalt verfügbar sein. Investoren und Geschäftspartnern gegenüber behauptete sie, die Theranos-Tests seien beim US-Militär in deren Medivac-Hubschraubern im Einsatz – eine Behauptung, die sie erst widerrief, als sie von Ermittlern unter Eid vernommen wurde.

Holmes wurde zum Medienstar und zur gefeierten Visionärin. Sie war auf dem Cover von „Fortune“, „Forbes“ und „Inc“. 2015 wurde Theranos mit 9 Mrd. Dollar bewertet. Holmes galt als jüngste Selfmade-Milliardärin der USA, landete auf der Liste der 100 einflussreichsten Personen des US-Magazines „Time“. Im gleichen Jahr besuchte der damalige Vize-Präsident Joe Biden das Theranos-Labor in Palo Alto und pries Holmes als Inspiration.

Die Unterstützer

Holmes konnte einen mächtigen Kreis an Unterstützern um sich scharen. Einer ihrer ersten und wichtigsten Fürsprecher war Stanford-Professor Channing Robertson. Holmes hatte in seinem Labor gearbeitet, Robertson wurde ihr Mentor und wenig später das erste Vorstandsmitglied bei Theranos. Der Experte für Bio-Engineering verhalf dem Unternehmen nach außen zu wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und bekam dafür ein üppiges Gehalt. Er verteidigte Holmes und Theranos lange gegen kritische Nachfragen und Zweifel an der Wirksamkeit der Technologie. Ob Robertson von den Problemen mit der Technik wusste, ist offen.

2011 traf Holmes den früheren US-Außenminister George Shultz, wenig später wurde er Vorstandsmitglied bei Theranos. Mithilfe des gut vernetzten Shultz wurde der Vorstand innerhalb der kommenden Jahre mit weiteren einflussreichen Personen aus Politik und Wirtschaft besetzt, darunter der frühere Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige Verteidigungsminister William Perry, General Jim Mattis, und der frühere CEO der Wells Fargo Bank, Richard Kovacevich.

Geld für das Startup bekam Holmes von nicht minder bekannten Namen: Die Walmart-Gründer-Familie Walton investierte 150 Mio. Dollar, Medienmogul Rupert Murdoch über 120 Mio. Dollar, die ehemalige Bildungsministerin Betsy DeVos 100 Mio. Dollar. Sie alle verloren ihr Investment mit dem Zusammenbruch von Theranos.

Die Probleme

2009 stieg Ramesh „Sunny“ Balwani bei Theranos mit ein. Er kümmerte sich fortan um das Tagesgeschäft, besaß jedoch keine Kenntnisse von Biomedizin und hatte nie in einem Tech-Startup gearbeitet. Mitarbeitern wurde schnell klar, dass er die Prozesse und Technologien im Labor nicht verstand. Aufgrund seines aufbrausenden Temperaments wurde Balwani im Unternehmen schnell als „enforcer“ bekannt, als Vollstrecker. Elizabeth Holmes verheimlichte vor Mitarbeitern und dem Vorstand die Tatsache, dass sie mit Balwani eine Beziehung führte.

 Theranos versprach, anhand von nur wenigen Blutstropfen zahlreiche Tests zu Hinweisen auf Krankheiten wie Diabetes oder Krebs durchführen zu können. In den Interviews von Firmengründerin Elizabeth Holmes variierte die Zahl der angeblich durchführbaren Tests: Oft war von über 200 die Rede, ein Unternehmensprofil im US-Businessmagazin Inc. sprach 2015 sogar von über 250. Doch der „Edison“ – das Gerät, das die Tests durchführen sollte – hielt bis zuletzt nicht, was Theranos versprach. Das Gerät gab unzuverlässige oder falsche Ergebnisse aus. Einzig der Test auf das Herpes-Virus wurde im Juli von der amerikanischen Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) als zuverlässig anerkannt. Um die große Anzahl der beworbenen Tests durchführen zu können, besorgte Theranos Fremdgeräte von Siemens, verheimlichte diesen Umstand jedoch vor Patienten, Geschäftspartnern und Investoren. Eine FDA-Inspektion legte 2015 außerdem Unzulänglichkeiten bei den Tests offen, die Theranos erst einige Wochen später öffentlich machte.

Mitarbeiter im Labor machten auf die Probleme mit „Edison“ aufmerksam und dokumentierten sie in Fehlerreports. Doch die Hinweise wurden von der Firmenleitung ignoriert. Statt an der Problemlösung zu arbeiten, wurden aus den Ergebnissen der Testläufe im Unternehmen nur die korrekten Daten herausgefiltert und weiter ausgewertet. Die falschen Ergebnisse wurden ignoriert. Holmes‘ Partner Balwani soll zweifelnde oder kritische Mitarbeiter unter Druck gesetzt haben. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben die Firmenkultur als eine Mischung aus Misstrauen, psychischem Druck und Lügen. Holmes selbst soll ihren Mitarbeitern gegenüber selbst bei kleinen Details gelogen haben und behauptete etwa in Emails, nicht im Büro zu sein, obwohl sie nur wenige Meter entfernt an ihrem Schreibtisch saß. Zahlreiche Mitarbeiter kündigten oder wurden gefeuert, wenn sie zu viele Fragen stellten oder zu kritisch waren.

Die Whistleblower

Tyler Shultz begann 2013 bei Theranos zu arbeiten und war ein begeisterter Anhänger von Holmes‘ Vision. Er bekam eine Vollzeitstelle im Diagnoseteam und stieß bald auf Probleme mit den Testergebnissen. Trotz fehlerhafter Ergebnisse wurden die Reports in der internen Statistikabteilung abgenommen und Daten in den Reports verändert. Tyler fiel auf, dass die Arbeitsweise von „Edison“ niemandem genau bekannt war. Selbst Inspektoren wurde der Zugang zum Labor verweigert, in dem die „Edison“-Geräte arbeiteten. Denn dort liefen die Bluttests nicht durch Theranos‘ eigenes Equipment, sondern durch Fremd-Geräte.

Auch die Laborassistentin Erika Cheung stieg ins Unternehmen ein, weil sie von Holmes‘ Vision begeistert war. Cheung arbeitete in den Jahren 2013 und 2014 sechs Monate lang im Theranos Labor und entdeckte bald ebenfalls, dass fehlerhafte Testergebnisse gelöscht wurden. Als sie ihr eigenes Blut von einer Theranos-Maschinen testen ließ, zeigte das Ergebnis einen Vitamin-D-Mangel an, den konventionelle Tests widerlegten. Sie machte Ramseh „Sunny“ Balwani auf die Probleme aufmerksam, doch der zog ihre Kompetenz in Frage.

Nach sechs Monaten im Unternehmen war Cheung von den Vorgängen im Unternehmen so alarmiert, dass sie kündigte. Theranos begann sie daraufhin zu bedrängen und engagierte Privatdetektive, die Cheung folgten. Cheung sagte später, sie fühlte sich so bedroht und überwacht, dass sie mehrmals den Wohnort wechselte und sich ein Prepaid-Telefon zulegte, damit ihre Anrufe nicht überwacht werden konnten.

Auch Tyler Shultz machte intern auf die Probleme aufmerksam: Er suchte das Gespräch mit Elizabeth Holmes, aber seine Sorgen wurden nicht ernst genommen. Sie verweigerte ihm ein zweites Gespräch und bat ihn, seine Beobachtungen in einer E-Mail zusammenzufassen. Die Antwort kam nicht von Holmes, sondern ihrem Partner Ramesh „Sunny“ Balwani, der Shultz in der E-Mail beleidigte und bedrohte.

Shultz wandte sich daraufhin an seinen Großvater, den ehemaligen US-Außenminister George Shultz, der im Vorstand von Theranos saß – er wollte ihm zunächst nicht glauben. Seine Familie riet ihm, den Job unter einem Vorwand zu kündigen. Die Situation gipfelte in einem Treffen im Haus seines Großvaters, bei dem Anwälte von Theranos Shultz drängten, eine Schweigeverpflichtung zu unterzeichnen. Shultz weigerte sich.

Wie Shultz wurde auch Cheung von Theranos‘ Anwälten bedrängt. Nachdem ein Reporter des Wall Street Journal namens John Carreyrou Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, erhielt sie einen Brief, in dem ihr der hochkarätige Unternehmensanwalt von Theranos mit einer Klage drohte.

2015 schrieb Cheung deshalb einen Brief an die Aufsichtsbehörde Centers for Medicare & Medicaid Services (CMS) und legte die Probleme im Theranos-Labor offen. Die Behörde unternahm daraufhin eine Überraschungs-Inspektion in den Laboren des Startups, bei der zahlreiche Verstöße festgestellt wurden. Tyler Shultz wandte sich indes nicht an die Behörden, sondern an Reporter Carreyrou, Mithilfe der Informationen von Shultz und eigenen Recherchen veröffentlichte Carreyrou im Oktober 2015 einen ersten Artikel, in dem er offenlegte, dass Theranos nicht die eigenen Maschinen für die Bluttests einsetzte und dass der „Edison“ unzuverlässige Ergebnisse lieferte. Theranos stritt alle Vorwürfe als falsch ab, drohte Carreyrou und Shultz mit Klagen.

Die Drogeriekette Walgreens stellte die Zusammenarbeit mit Theranos vorübergehend ein. Im Januar 2016 warnte die staatliche Aufsichtsbehörde CMS nach unzuverlässigen Ergebnissen beim Nachweis eines Blutverdünners, dass Theranos-Tests die Patientengesundheit gefährdeten. Drei Monate später begannen die Strafverfolgungsbehörden und die Finanzaufsicht SEC Ermittlungen gegen Theranos. Ramesh „Sunny“ Balwani, der das Tagesgeschäft bei Theranos geführt hatte, verließ das Unternehmen.

Walgreens und andere Partner klagten gegen Theranos, der Fall endete 2017 mit einem Vergleich. Anfang 2018 verkündete die SEC eine Anklage gegen Elizabeth Holmes und ihren Businesspartner Ramesh „Sunny“ Balwani. Holmes musste ihren Posten als CEO aufgeben und wurde mit dem Verbot belegt, in den kommenden 10 Jahren ein börsennotiertes Unternehmen zu leiten. Im Juni 2018 erhoben die kalifornischen Strafverfolgungsbehörden Anklage gegen Holmes und Balwani. Theranos wurde im September des gleichen Jahres geschlossen.

Speak-Up-Kultur und Whistleblowing

Erika Cheung und Tyler Shultz wurden zu Whistleblowern, weil ihre Sorgen im Unternehmen nicht ernst genommen wurden. Cheung hatte sich an die Nummer Zwei im Unternehmen, Ramesh „Sunny“ Balwani gewandt, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass Theranos‘ Umgang mit fehlerhaften Testergebnissen nicht wissenschaftlichen Standards entsprach. Statt sie ernst zu nehmen, zog Balwani ihre Kompetenz in Zweifel. Nachdem sie das Unternehmen desillusioniert verlassen hatte, drohte ihr das Unternehmen zudem mit rechtlichen Maßnahmen.

Shultz wandte sich mit seinen Beobachtungen zunächst direkt an CEO Elizabeth Holmes. Sie bat ihn, seine Kritikpunkte zu verschriftlichen. Obwohl die Verantwortlichen die Hinweise auf Fehlverhalten damit schwarz auf weiß hatten, leiteten sie keine Untersuchung ein, sondern reagierten mit Vorhaltungen und Repressalien. Shultz wurde von Balwani in einer Email beleidigt und bedroht.

Damit höhlte Theranos eine der zentralen Säulen aus, die gute Compliance in Unternehmen ausmachen: Eine gesunde Speak-Up-Kultur, in der Mitarbeiter ohne Angst auf Probleme oder Fehlverhalten im Unternehmen hinweisen können. Eine gesunde Speak-Up-Kultur – etwa durch eine Whistleblower-Hotline oder eine digitale Hinweisgeberplattform und verbindlich definierte Regeln für den Umgang mit Whistleblowern können ein Unternehmen vor dem schützen, was Theranos erlebt hat: Indem Hinweise aufgegriffen, Whistleblower ernst genommen und ihre Beobachtungen schnell untersucht werden, können rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um Probleme intern zu lösen.

Vernachlässigen oder unterbinden Unternehmen eine offene Speak-Up-Kultur und einen vertrauensvollen Umgang mit Whistleblowern, zeigt der Fall Theranos auf dramatische Weise die Konsequenzen: Weil beide Whistleblower sich von den Verantwortlichen nicht ernst genommen fühlten und abgewimmelt wurden, alarmierten sie schließlich Organisationen und Pressevertreter außerhalb des Unternehmens. Das Fehlverhalten bei Theranos und die Reaktion darauf wurde dem Startup damit aus der Hand genommen. Es folgten Enthüllungen in der Presse, Inspektionen durch Aufsichtsbehörden, Strafmaßnahmen, Bankrott und Schließung des Unternehmens und die Anklage der Verantwortlichen.

Der Prozess

Drei Jahre nach dem Ende von Theranos hat im September in Kalifornien der Prozess gegen Gründerin Elizabeth Holmes begonnen. Er wurde zunächst von der Pandemie, dann von Holmes‘ Schwangerschaft verzögert: Holmes ist von Balwani getrennt und mit einem wohlhabenden Erben liiert, die beiden haben im Juli 2021 ihr erstes Kind bekommen. Während des Prozesses wird für die junge Mutter ein eigener Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie ihren Sohn stillen und versorgen kann.

Die Ankläger werfen Holmes vor, Investoren und Patienten absichtlich in die Irre geführt zu haben: Von den über 200 beworbenen Bluttests konnten die hauseigenen „Edison“-Geräte nur die wenigsten selbst durchführen und lieferten keine korrekten Ergebnisse. Holmes soll außerdem über die Höhe der Unternehmensgewinne gelogen haben.

Angeklagt wird auch ihr früherer Geschäftspartner Ramesh „Sunny“ Balwani. Holmes führte während seiner Zeit im Unternehmen eine Beziehung mit ihm, die sie vor Mitarbeitern und Investoren geheim hielt. Auch Balwani wird mehrfacher Betrug vorgeworfen. Holmes‘ Anwälte haben erreicht, dass die Prozesse der beiden getrennt verhandelt werden und Holmes als erste vor Gericht steht. Balwanis Prozess soll erst Anfang kommenden Jahres beginnen.

In den ersten Prozesswochen präsentierte die Staatsanwaltschaft mit zahlreichen Dokumenten und hochkarätigen Zeugen ihren Fall: Der frühere Labordirektor Adam Rosendorff sprach detailliert über die fehlerhaften Ergebnisse, die das Theranos-Gerät „Edison“ auswarf. Rosendorff sprach im Zeugenstand darüber, dass er Holmes über die Probleme in Kenntnis gesetzt hatte, sie seine Bedenken allerdings beiseite gewischt hatte. Als Rosendorff das Unternehmen 2014 verließ, verpflichtete Theranos einen neuen Labordirektor: Sunil Dhawan, den Dermatologen von Ramesh „Sunny“ Balwani, der keine Erfahrung als Labordirektor hatte.

Zwei der markantesten Beispiele für die fehlerhaften Testergebnisse der Theranos-Maschinen waren zwei Patientinnen: Eine der Frauen wurde als HIV-positiv diagnostiziert – der Befund wurde durch weitere Bluttests widerlegt. Eine zweite Frau, die mehrere Fehlgeburten erlitten hatte, bekam während ihrer Schwangerschaft Testergebnisse von Theranos, die auf einen erneuten Verlust des Fötus‘ hindeuteten. Der Test war fehlerhaft, die Frau bekam ein gesundes Baby. Interne Emails legten indes offen, dass das Startup fehlerhafte Ergebnisse bei Besuchen von Investoren und Geschäftspartnern mithilfe eines modifizierten Demo-Geräts verschleierte oder Testergebnisse teilweise vor ihnen geheim hielt.

Die Staatsanwaltschaft präsentierte außerdem einen 55-seitigen Report, in den Verantwortliche bei Theranos nachträglich die Logos der Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline, Pfizer und Schering-Plough eingefügt hatten, um den Eindruck zu erzeugen, dass die Technologie von den Pharmaunternehmen anerkannt wurde. Ein bei Pfizer beschäftigter Wissenschaftler bezeugte allerdings, er habe die Behauptungen des Startups als unglaubwürdig eingestuft und Pfizer von einer Zusammenarbeit abgeraten. Die Staatsanwälte waren in der Lage zu zeigen, dass Theranos den Report mit den nachträglich eingefügten Logos dennoch an Investoren und Geschäftspartner gesandt hatte.

In den Zeugenstand traten außerdem Investoren und der ehemalige US-Verteidigungsminister General James Mattis, der im Aufsichtsrat von Theranos saß. Mattis bezeichnete Holmes als seine Primärquelle für alle Informationen über das Unternehmen und dessen Technologie. Er legte dem Gericht eine Präsentation vor, die sie vor dem Aufsichtsrat hielt. Die Präsentation behauptete unter anderem, die Technologie sei auch von der US-Aufsichtsbehörde FDA und der Weltgesundheitsorganisation WHO validiert worden – beides ist nie geschehen.

Die zwei größten Überraschungen des Prozesses: Obwohl Whistleblowerin Erika Cheung vor Gericht eine Aussage machte, wurde Whistleblower Tyler Shultz nicht in den Zeugenstand gerufen. Entgegen aller Erwartungen machte dafür ab Ende November Elizabeth Holmes eine Zeugenaussage.

Sie gab an, an der Universität Stanford als Studentin vergewaltigt worden zu sein. Danach habe sie das Studium abgebrochen und sich auf Theranos konzentriert. In ihrer siebentägigen Zeugenaussage beschuldigte Holmes zudem ihren früheren Partner Ramesh „Sunny“ Balwani des psychischen und sexuellen Missbrauchs. Als 18-Jährige hatte Holmes den 20 Jahre älteren Balwani kennengelernt und mit ihm ein Jahrzehnt lang eine Beziehung geführt. Er soll sie bevormundet und kontrolliert haben: Angefangen bei ihrer Ernährung bis zum Kontakt zu ihrer Familie und bei Entscheidungen im Unternehmen. Den Vorwurf, sie halbe falsche Angaben über einen Vertrag mit dem Militär gemacht, versuchte sie als Missverständnis zu entkräften. Sie gab an, den gefälschten Report mit den nachträglich eingefügten Firmenlogos zu bereuen. Auch, dass sie ehemalige Angestellte wie die Whistleblower Erika Cheung und Tyler Shultz mit Privatdetektiven und Anwälten bedrängt habe, bezeichnete sie als Fehler.

Die Verteidigung versuchte wiederholt, den Investoren mangelnde Due Diligence anzulasten: Im Kreuzverhör versuchten Holmes‘ Anwälte den Geldgebern wiederholt vorzuwerfen, aus Geldgier nicht genügend Recherchen über das Startup angestrengt zu haben. Die Logik hinter der Strategie: Große Versprechungen gehören im Silicon Valley dazu – Unternehmen wie Uber oder WeWork locken Investoren mit großen Visionen ihrer zuweilen unausgereiften Technologie, die erst nach Jahren zum profitablen Business werden.

Im Kreuzverhör musste Holmes zugeben, während ihrer Beziehung mit Balwani über mehrere Jahre auch eine Beziehung mit einem weiteren Mann unterhalten zu haben. Sie musste Emails und Textnachrichten zwischen ihr und ihrem früheren Partner vorlesen, in denen die beiden Probleme bei Theranos thematisierten. Die Staatsanwaltschaft versuchte damit deutlich zu machen: Entgegen der Behauptungen der Verteidigung wusste Holmes sehr wohl, was in ihrem Unternehmen falsch lief. Der Prozess soll Mitte Dezember enden.

Mehr zum Fall Theranos

Der Podcast „The Dropout“ rekonstruiert Elizabeth Holmes‘ Rolle vom Aufstieg bis zum Fall des Unternehmens und begleitet den Prozess gegen sie.

John Carreyrou, der den Betrug bei Theranos im Wall Street Journal öffentlich machte, hat über seine Recherchen und den Fall das Buch „Bad Blood: Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup“ geschrieben. Er hostet außerdem den Podcast „Bad Blood: The Final Chapter“ über den Prozess.

Whistleblowing Report

Umfassende Studie über Whistleblowing in europäischen Unternehmen

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