Was ist ein Whistleblower?

Wir verraten, was Sie über Whistleblower wissen müssen und beleuchten gesetzliche Grundlagen.

Moritz Homann
Auf einen Blick

Ein Whistleblower, im Deutschen oft Hinweisgeber genannt, ist laut Definition im wörtlichen Sinne jemand, der in eine Trillerpfeife bläst („to blow the whistle“). Hinweisgeber wollen meistens möglichst rechtzeitig über unethisches Verhalten berichten oder Missstände aufdecken – am besten bevor mögliche negative Konsequenzen eintreten.

Dafür riskieren Whistleblower oft sehr viel. In einigen Ländern wie z. B. in Deutschland, gibt es noch keinen ausreichenden Schutz für Whistleblower vor Kündigung oder anderen persönlichen Nachteilen. Mit der Umsetzung der EU-Whistleblowing-Richtlinie und dem Gesetz zum Schutz von Whistleblowern soll sich das ab 2022 ändern.

Was ist ein Whistleblower | Integrityline Blog

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden und des Wikileaks-Gründers Julian Assange ist der Begriff „Whistleblower“ den meisten Menschen ein Begriff und das Thema Whistleblowing immer öfter Bestandteil der medialen Berichterstattung. Für viele gelten sie als Helden, da ihnen die Aufklärung der Gesellschaft wichtiger ist als die Angst vor möglichen Konsequenzen oder die Veränderung ihrer persönlichen Situation.

Es geht ihnen also vor allem darum, Aufmerksamkeit auf Fehlverhalten, illegale Machenschaften oder unethisches Verhalten zu lenken, das oftmals auch von öffentlichem Interesse ist, aber nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt ist. 

Was sind typische Fälle, über die Whistleblower berichten?

Es gibt viele unterschiedliche Szenarien für Whistleblowing, oftmals betrifft es jedoch die folgenden Bereiche:

Diese Fälle können unterschiedliche große Risiken bzw. Konsequenzen für Mitarbeiter, Unternehmen oder ganze Länder bergen. Daher gilt es unethisches Verhalten und Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen, um zu verhindern, dass einzelne Personen oder Unternehmen sich unerlaubterweise bereichern oder andere Straftaten ohne jegliche strafrechtlichen Konsequenzen begehen können.

Berühmte Whistleblower und ihre Bedeutung für die Gesellschaft

Einer der berühmtesten Whistleblower ist Edward Snowden. Der US-Amerikaner brachte 2013 die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken des US-Geheimdienstes National Security Agency NSA ans Licht.  Seit 2007 ließen die Vereinigten Staaten und Großbritannien die globale Telekommunikation und das Internet überwachen allerdings ohne konkreten Verdacht. Beide Länder rechtfertigten dies damit, terroristische Anschläge vorzubeugen. 

Die USA werfen Edward Snowden bis heute Spionage und die Gefährdung der nationalen Sicherheit vor. Für seine Enthüllungen bezahlte der ehemalige CIA-Mitarbeiter Snowden einen hohen Preis: Die Rückkehr in seine USA scheint undenkbar, denn dort drohen ihm viele Jahre Gefängnis. Mittlerweile lebt er in Russland und hat eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. 

Julian Assange ist zwar kein Whistleblower aber neben Edward Snowden einer der berühmtesten Namen wenn es um Whistleblowing geht. Assange ist der Gründer der Wikileaks-Plattform, die vor allem weltweit Beachtung fand durch den Fall der Whistleblowerin Chelsea Manning (damals Bradley). Sie hatte geheime Militär-Informationen an Wikileaks weitergeleitet und wurde zunächst dafür wegen Spionage und Diebstahl verurteilt. Mittlerweile ist Manning wieder frei. 

Ein weiteres Beispiel für Whistleblowing sind die Manipulationen der Datenfirma Cambridge Analytica im US-amerikanischen Wahlkampf, die Christopher Wylie  ans Licht brachte.

Der ehemalige US-Botschafter und Whistleblower  Joseph C. Wilson informierte die New York Times darüber, dass die Regierung unter US-Präsident George W. Bush Papiere gefälscht hatte, die beweisen sollte, dass sich der Irak unter Saddam Hussein Material für den Bau einer Atombombe beschafft hatte. Damit wollte die US-Regierung den Einmarsch in den Irak 2003 rechtfertigen. 

Einer der bekanntesten Fälle der USA über rechtswidrige Handlungen, die dank Whistleblowing ans Licht kamen, ist der Skandal der Energiefirma Enron. Die ehemalige Vizepräsidenten Sherron Watkins stellte Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung fest und informierte zuerst den damaligen CEO Kenneth Lay. Später sagte sie vor dem US-Kongress aus, was zur Verhaftung ihres Vorgesetzen und zum Bankrott von Enron führte. Geboren war einer der ersten großen Bilanzbetrügereien und einer der größten Wirtschaftsskandale der USA. 

Und natürlich wäre die Watergate-Affäre, die 1974 den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon zu Fall brachte und bis heute einen der größten Skandale der Weltpolitik darstellt, ohne den Whistleblower Mark Felt so wahrscheinlich nicht denkbar gewesen.

Auch Daniel Ellsberg, der 1971 geheime Informationen an die New York Times weitergab, zählt bis heute zu den bekanntesten Whistleblowern. Mit der Veröffentlichung der „Pentagon-Papiere“ machte er auf den Missstand aufmerksam, dass die US-Regierung die amerikanische Bevölkerung in Bezug auf den Vietnamkrieg getäuscht hatte.

Well-known Whistleblowing Cases

Berühmte Fälle von Whistleblower in Deutschland

Es gibt auch viele Fälle von Whistleblowing in Deutschland wie z. B. der Fall einer Apotheke in Bottrop, der sich 2016 als einer der größten Medizinskandale in der bundesdeutschen Geschichte herausstellte. Der Whistleblower Martin Porwoll, damals kaufmännischer Leiter der betroffenen Apotheke, hatte aufgedeckt, dass der Besitzer der Großapotheke jahrelang Kochsalzlösungen als individuell zusammengestellte Krebsmedikamente an schwerkranke Krebspatienten verkauft hatte und diese gegenüber den Krankenkassen entsprechend abgerechnet hat. Martin Porwoll wurde fristlos entlassen. Mit seinen Enthüllungen rettete der Volkswirt womöglich sehr vielen Menschen das Leben. 

Dr. Margit Herbst ist eine der ersten deutschen Whistleblowerinnen. Die Tierärztin meldete 1990 die ersten Verdachtsfälle auf Rinderwahnsinn in Deutschland . Doch ihre Vorgesetzten missachteten die Hinweise der damaligen Veterinärin in Schleswig-Holstein und ließen die von ihr als krank gemeldeten Tiere schlachten und gesund deklariert in den Handel geben. 1994 ging Herbst an die Öffentlichkeit, wurde mit der Begründung, dass sie zur Verschwiegenheit über Missstände auf dem Schlachthof verpflichtet gewesen sei, fristlos entlassen. 

Whistleblower & Arbeitsrecht – Wenn Arbeitnehmer zu Whistleblowern werden

Muss man Angst vor einem Arbeitsplatzverlust haben?

Die Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber hat in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert, weshalb es Whistleblower hier besonders schwer haben. Nur wenige Regelungen schützen Hinweisgebende explizit vor den möglichen Repressalien, wie einer fristlosen Kündigung. So sieht die deutsche Gesetzgebung bisher nur für einige Branchen eine gesetzliche Verpflichtung zum Aufbau eines Compliance Systems vor, wie z. B. für Banken und Finanzinstitute.

Die gesetzliche Lage in Deutschland

Ein erster Schritt in Richtung Hinweisgeberschutz wurde bereits dadurch unternommen, dass der deutsche Bundestag Anfang 2019 das „Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen“ (GeschGehG) verabschiedet hat. Dank der neuen EU-Whistleblowing-Richtlinie und den nationalen Umsetzungen in den EU-Mitgliedsstaaten, müssen in 2022 jedoch auch die gesetzlichen Regelungen u. a. in Deutschland angepasst werden.  

Nach der EU-Richtlinie soll es nicht möglich sein, sich auf die rechtlichen oder vertraglichen Pflichten des Einzelnen, beispielsweise Loyalitätsklauseln in Verträgen oder Vertraulichkeits- oder Geheimhaltungsvereinbarungen, stützen zu dürfen, um:

§ die Möglichkeit einer Meldung auszuschließen,

§ Hinweisgebern den Schutz zu versagen oder

§ sie für die Meldung von Informationen über Verstöße oder eine Offenlegung mit Sanktionen zu belegen, wenn die Weitergabe der Informationen, die unter diese Klauseln und Vereinbarungen fallen, notwendig ist, um den Verstoß aufzudecken.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, sollten Hinweisgeber weder zivil-, straf- oder verwaltungsrechtlich noch in Bezug auf ihre Beschäftigung haftbar gemacht werden können.

Gesetzliche Regelungen in Europa und International

In Frankreich, England und den USA gibt es bereits Gesetze, die Whistleblower unter Schutz nehmen und somit eine Kultur in Unternehmen und Organisationen fördern, die Mut machen soll, Missstände aufzudecken. 

 

Wie kann man Whistleblowern helfen und sie besser schützen?

Die Einführung von einem Whistleblower-System, oder auch Hinweisgebersystem genannt, ist eine Möglichkeit, Whistleblowern einen sicheren Meldekanal bereitzustellen, damit diese auf Missstände aufmerksam machen können. 

Ein Hinweisgebersystem ermöglicht die systematische und vertrauliche Übermittlung von Hinweisen von Mitarbeitern und Lieferanten, einen geschützten Dialog zwischen anonymen Hinweisgeber und dem Compliance-Beauftragten sowie die Bearbeitung und Dokumentation der Meldungen. 

Damit gehören Hinweisgebersysteme zu den effektivsten Instrumenten für die Prävention und Aufklärung von Korruption, Missständen und Compliance-Verstößen. Rund 39 Prozent der Betrugsfälle in Unternehmen und Organisationen werden weltweit von Hinweisgebern enthüllt (ACFE: Report to the nations, 2016). 

„Mehr als die Hälfte der Whistleblower nutzen internetbasierte Meldewege“
ACFE: REPORT TO THE NATIONS, 2016

Was ändert sich mit der Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie?

Um einen einheitlichen Schutz von Hinweisgebern in der EU zu schaffen, hat die Europäische Kommission 2019 die EU-Whistleblower-Richtlinie verabschiedet. Die EU-Staaten hatten zwei Jahre Zeit, die Anforderungen in nationale Gesetze zu überführen. Die Frist zur Umsetzung war im Dezember 2021 verstrichen. 

Diese Richtlinie gilt als Meilenstein im Kampf um den Schutz von Whistleblowern, weil diese alle Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten sowie den öffentlichen Sektor und Gemeinden ab 10.000 Einwohnern in der EU dazu verpflichtet, ein internes Hinweisgebersystem einzuführen. 

Hinweisgebende stehen unter dem Schutz der Richtlinie, wenn sie Verstöße gegen das Unionsrecht melden.  

Die Richtlinie sieht ein dreistufiges Meldesystem vor:

Daher sollten Unternehmen und staatliche Behörden diesen Risiken rechtzeitig durch den Einsatz effektiver Hinweisgebersysteme vorbeugen.

Wussten Sie, dass...

...in knapp 40 Prozent der Unternehmen Missstände jedweder Art auftreten? Hierbei kann es sich entweder um das Fälschen von Finanzzahlen, Korruption, Wirtschaftsspionage, Betrug, Diebstahl, Unterschlagung, Mobbing oder auch sexuelle Belästigung handeln. Nicht selten kommen dabei Schäden von mehr als 100.000 Euro zum Vorschein.
...rund 90 Prozent aller Whistleblower zunächst intern versuchen, die beobachteten Missstände anzusprechen, bevor sie sich an Behörden, Medien oder die Öffentlichkeit wenden – vorausgesetzt, sie finden im Unternehmen geeignete Kanäle und eine offene Kultur vor.
...einige Studien sogar zeigen, dass eine ausgeprägte Hinweisgeberkultur den Unternehmen dabei hilft, langfristig finanziell erfolgreicher zu sein?

Whistleblowing Report

Umfassende Studie über Whistleblowing in europäischen Unternehmen

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Moritz Homann
Managing Director Corporate Compliance | EQS Group
Moritz Homann verantwortet beim Münchner Technologieanbieter EQS Group den Produktbereich Corporate Compliance. In dieser Funktion betreut er die strategische Entwicklung digitaler Workflow-​Lösungen, die auf die Bedürfnisse von Compliance-​Beauftragten auf der ganzen Welt zugeschnitten sind.