Hinweisgeberschutzgesetz – Alle Infos zur Umsetzung

Das deutsche Hinweisgeberschutzgesetz kommt. Wir haben die wichtigsten Informationen für Sie zusammengefasst und erklären, wie Organisationen und Behörden das Gesetz mit wenigen Schritten erfüllen können.

Moritz Homann
Auf einen Blick

Im Juli 2022 hatte das Bundeskabinett einen Regierungsentwurf für das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) beschlossen. ExpertInnen rechneten in diesem Jahr noch mit der Verabschiedung des neuen Gesetzes, doch laut Justizminister Dr. Marco Buschmann wird sich der Beschluss voraussichtlich bis Anfang 2023 verzögern. Aktuell ist davon auszugehen, dass das Gesetz spätestens Mitte 2023 in Kraft treten wird.

Wir halten Sie auf unserem Blog über alle Neuigkeiten zur Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie in Form des deutschen Hinweisgeberschutzgesetzes auf dem Laufenden. Weitere Informationen erhalten Sie außerdem in unseren Webinaren zum Hinweisgeberschutzgesetz.

Illustration two persons talking about a German whistleblowing law

Was ist das deutsche Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG)?

Das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) ist die deutsche Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie, die erstmals EU-weit einen standardisierten Schutz für Hinweisgeber festlegen will. 

Das Gesetz regelt den Schutz natürlicher Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Informationen über Verstöße erlangt haben und diese an die internen oder externen Meldestellen weitergeben (hinweisgebende Personen). Dies bezieht Arbeitnehmende, Beamte, Selbstständige, Gesellschafter, Praktikanten, Freiwillige, Mitarbeitende von Lieferanten sowie Personen, deren Arbeitsverhältnis bereits beendet ist oder noch nicht begonnen hat und sich in einem vorvertraglichen Stadium befindet, mit ein.

Das Hinweisgeberschutzgesetz verbietet jegliche Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen gegenüber Hinweisgebenden.

Die EU-Mitgliedstaaten hatten bis zum 17. Dezember 2021 Zeit, um die Direktive in nationale Gesetze zu überführen. Ein solches Gesetz ist überfällig, denn bisher sind Hinweisgebende nur unzureichend vor Repressalien oder negativen Konsequenzen geschützt. In Deutschland gab es 2019 mit dem „Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen“ (GeschGehG) einen ersten Vorstoß in Richtung Hinweisgeberschutz.

 „Wir freuen uns, dass Hinweisgebende in Deutschland jetzt endlich Rechtssicherheit haben, wenn sie Missstände oder Straftaten im Unternehmen melden – und das nicht nur bei Verstößen gegen EU-Recht, sondern auch bei Straftatbeständen wie Korruption oder Steuerhinterziehung. Dieser umfassende Schutz ist ein wichtiger Schritt für mehr Integrität in der Wirtschaft“, so Achim Weick, Gründer und CEO der EQS Group. 

Wie ist der aktuelle Stand zum Hinweisgeberschutzgesetz?

November 2022: Der Entwurf sollte Mitte Dezember verabschiedet werden. Aktuell zeichnet sich ab, dass sich die Verabschiedung voraussichtlich bis Anfang 2023 verzögert. Drei Monate später tritt das Gesetz dann in Kraft.

September 2022: Der Bundesrat hat Stellung zum Gesetzesvorhaben genommen. Die Bundesregierung will ihre Gegenäußerung zur Stellungnahme nachreichen. Der Entwurf wurde am 29. September 2022 in 1. Lesung beraten.

Juli 2022: Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf beschlossen. 

April 2022: Justizminister Dr. Marco Buschmann lässt einen Referentenentwurf (HinSchG-E) von seinem Ministerium ausarbeiten und sendet diesen am 5. April an die anderen Ressorts zur Prüfung. Der 2. Entwurf orientiert sich inhaltlich am 1. Entwurf der ehemaligen Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) von Ende 2020.

Bis zum 11. Mai 2022 haben Länder und Verbände die Möglichkeit, sich zu dem neuen Referentenentwurf zu äußern.

Februar 2022:  Die EU-Kommission leitet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen mehrere EU-Länder ein, darunter Deutschland, da sie die Richtlinie nicht innerhalb der vorgegebenen Frist umgesetzt haben. 

Dezember 2021:  Die Frist zur Umsetzung der Richtlinie verstreicht am 17.12.2021 ohne ein deutsches Gesetz.

November 2021:  In ihrem Koalitionsvertrag einigen sich die drei Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP darauf, die EU-Whistleblower-Richtlinie „rechtssicher und praktikabel“ umzusetzen und positionieren sich klar pro Whistleblower-Schutz:  Man wolle deutlich über die Mindestanforderungen der Direktive 2019/1937 der Europäischen Union hinausgehen und den Anwendungsbereich auf nationales Recht ausweiten. Eine konkrete Angabe für den geplanten Umsetzungszeitraum lässt der Koalitionsvertrag offen.  

April 2021:  Der Gesetzentwurf von Ministerin Lambrecht wird von CDU/CSU gekippt, die Große Koalition unter CDU und SPD scheitert an der Einigung für die nationale Umsetzung der Richtlinie.

Ende 2020:  Die damalige Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) legt  einen ersten Entwurf zur Abstimmung in den Ressorts vor.

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Was bedeutet die fehlende Umsetzung für die betroffenen Unternehmen, Behörden und Hinweisgebende?

Achtung vor einer DSGVO 2.0: Private Unternehmen sollten nicht erst das Gesetz abwarten 

Einzelne Vorgaben der Richtlinie können auch unmittelbar anwendbar sein, auch wenn sie von dem jeweiligen Mitgliedstaat nicht oder nicht ordnungsgemäß umgesetzt wurden und die Bestimmungen der Richtlinie inhaltlich unbedingt und hinreichend genau sind. Somit können diese auch nach Ablauf der Umsetzungsfrist eine unmittelbare Wirkung entfalten.

Unabhängig von der Frage, ob Letzteres im Falle der Whistleblowing Richtlinie zutrifft, sollten private Organisationen nicht bis zur Umsetzung eines Hinweisgeberschutzgesetzes warten und die verbleibende Zeit besser für die Einführung geeigneter Kanäle und Verfahren zum Umgang mit Hinweisen nutzen. Die Anforderungen an Hinweisgeberkanäle sowie an die Behandlung von eingehenden Hinweisen sind in der Whistleblower Richtlinie bestimmt.

Public Sector ist seit Dezember 2021 unmittelbar betroffen 

Eindeutiger ist es im öffentlichen Sektor: Staatliche Stellen sind seit dem 18. Dezember 2021 dazu verpflichtet, interne Hinweisgebersysteme anzubieten. Die EU-Whistleblowing-Richtlinie sieht zwar auch hier Abweichungsmöglichkeiten vor, jedoch sind davon lediglich Kommunen mit weniger als 10.000 Einwohnern oder unter 50 Mitarbeitenden betroffen. 

Gibt es trotz fehlendem Gesetz derzeit einen Schutz für hinweisgebende Personen?  

Die Richtlinie will Mitarbeitende vor Repressalien wie einer Kündigung schützen. Sind Hinweisgebende nach wie vor schutzlos oder können sie sich auf die EU-Richtlinie berufen und gegebenenfalls Schadensersatz von der Bundesrepublik Deutschland fordern, wie es z. B. die Süddeutsche Zeitung im November ausmalte?  

Da es noch kein konkretes Gesetz gibt, können sich meldende Personen noch nicht auf den in der Richtlinie definierten Umfang verlassen, sondern sind aktuell auf bestimmte Fallkonstellationen beschränkt, wie ein Gastartikel in der Legal Tribune ausführt: 

Hinweisgebende im privaten Sektor können geschützt sein, wenn sie Meldungen über die internen oder externen Meldekanäle abgeben – zu deren Einrichtung die Unternehmen ohne Umsetzungsgesetz aktuell noch nicht verpflichtet sind. Dennoch: Die Arbeitsgerichte sind seit dem Ablauf der Umsetzungsfrist zu einer richtlinienkonformen Auslegung des deutschen Rechts verpflichtet. Somit kann die Richtlinie durchaus auch für Privatpersonen unmittelbare Wirkung entfalten. 

Hinweisgebende aus dem behördlichen Bereich wiederum können sich auf die Schutzvorgaben der Direktive berufen, sofern sie ihre Meldung über die internen Hinweisgebersysteme der öffentlichen Einrichtung abgeben. 

Experten-Round-Table der Fachzeitschrift „Arbeit und Arbeitsrecht“ zum Thema Hinweisgeberschutz mit den Experten Dr. Frank Schemmel (DataGuard), Jens Gräßler (EQS Group) sowie Dr. Jan Tibor Lelley, LL.M. (BUSE).

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Was müssen Unternehmen jetzt über das Hinweisgeberschutzgesetz wissen, um vorbereitet zu sein?

1) Es soll zwei verpflichtende Meldekanäle geben: Intern und extern

Das Gesetz legt zwei gleichwertige Meldekanäle fest:

2) Hinweisgeber haben ein Wahlrecht

D. h. Whistleblower können frei entscheiden, ob sie interne Meldungen oder Hinweise über die externe Meldestelle abgeben möchten. Interne Meldestellen haben somit keinen Vorrang mehr vor externen Meldungen wie bisher.

Sollten die Hinweise eines Hinweisgebers an die Meldestelle ohne Rückmeldung bleiben oder die betroffene Person einen hinreichenden Grund für eine „Gefährdung des öffentlichen Interesses“ sehen, fallen Hinweisgebende beim Gang an die Öffentlichkeit (über Presse, Medien und Social Media) ebenfalls unter den Schutz des Hinweisgebergesetzes.

» Rund 90 % aller Hinweisgeber versuchen zunächst intern, die beobachteten Missstände anzusprechen, bevor sie sich an Behörden, Medien oder die Öffentlichkeit wenden – vorausgesetzt, sie finden im Unternehmen geeignete Kanäle und eine offene Kultur vor. «

– FISCHER, EVA (2019): EU-KOMMISSION UND EUROPAPARLAMENT STREITEN ÜBER SCHUTZ VON WHISTLEBLOWERN

3) Der Anwendungsbereich soll Verstöße gegen Europäisches UND nationales Recht abdecken

Der Entwurf weitet den sachlichen Anwendungsbereich auf Verstöße gegen das nationale Recht aus und geht damit über die Mindestanforderungen der EU-Hinweisgeber-Richtlinie hinaus. Voraussetzung hierbei ist, dass es sich um strafbewehrte (Straftat) oder bußgeldbewehrte (Ordnungswidrigkeit) Vergehen, die Gesundheit/Leben gefährden, handelt. 

Der deutsche Gesetzgeber will mit der Ausweitung „Wertungswidersprüche“ vermeiden, denn in der Realität könnte die Beschränkung der Hinweisabgabe für Verstöße gegen ausschließlich europäisches Recht zu Unsicherheiten bei Hinweisgebern sorgen. Diese könnten dann aus Angst, dass ihre Meldung dann doch nicht durch das Gesetz abgedeckt ist, von einer Meldung Abstand nehmen. 

Hinweise können dann auf Verstöße wie z. B. Korruption oder Steuerhinterziehung aufmerksam machen.

4) Keine Pflicht aber Empfehlung zur Bearbeitung anonymer Hinweise

Eine Pflicht zur Bearbeitung von anonymen Hinweisen soll es nicht geben, jedoch sollen interne und externe Meldestellen auch Hinweise ohne Klarnamen berücksichtigen, „soweit dadurch die vorrangige Bearbeitung nicht-anonymer Hinweise nicht gefährdet wird“. Diese Hinweisgebenden fallen ebenfalls unter die Schutzbestimmungen des Hinweisgeberschutzgesetzes, wenn ihre zunächst verdeckte Identität bekannt wird.

Allerdings spricht vieles für die anonyme Meldeoption. Marcus Sultzer, Vorstandsmitglied der EQS Group, empfiehlt jeder Organisation, eine solche Meldeoption einzurichten und diesen Hinweisen ebenso nachzugehen:

„Untersuchungen zeigen, dass sich viele Hinweisgebende für eine anonyme Meldung entscheiden, weil sie eine hohe Unsicherheit über den Prozess und seine Konsequenzen haben. Der Whistleblowing-Report 2021 hat gezeigt, dass 73,2% der Hinweisgebenden sich dafür entscheiden, anonym zu bleiben, wenn diese Option verfügbar ist. Viele Organisationen haben die Vorteile anonymer Meldewege längst erkannt und nutzen diese, um die Zahl der wertvollen Meldungen zu erhöhen.  

Hier ist die Bundesregierung gegenüber dem letzten Entwurf einen deutlichen Schritt weitergegangen. Das sehen wir sehr positiv, denn viele Hinweisgebende befürchten Repressionen, wenn sie sich zu erkennen geben. Auch für Unternehmen wäre es eine große Gefahr, wenn bestimmte Meldungen sie nicht mehr erreichen.“

5) Geteilte Systeme und Outsourcing

Für Organisationen zwischen 50 und 249 Mitarbeitenden sieht der Gesetzgeber vor, dass sich diese Hinweisgebersysteme teilen dürfen. Ebenso dürfen Gesellschaften/Konzerne, unabhängig von ihrer Größe, gemeinsame Meldekanäle nutzen. Hier kann die Mutter die Rolle der meldestellenbetreuenden Dritten übernehmen. Darüber hinaus ist es möglich, die Meldestelle an eine Einrichtung außerhalb der Firma, zum Beispiel eine Ombudsperson, auszulagern. 

 

6) Beweislastumkehr zu Gunsten des Hinweisgebers und Schadensersatz nach Repressalien

Wie in der Richtlinie gefordert, will das Gesetz mögliche Repressalien gegen Whistleblower verbieten und die Beweislastumkehr geltend machen. Der Arbeitgeber muss somit nachweisen, dass zwischen einer Kündigung eines Mitarbeiters und der Meldung von Missständen keinerlei Verbindung besteht. Sollte die hinweisgebende Person jedoch Repressalien erleiden, kann sie ihren Anspruch auf Schadensersatz geltend machen. Dies soll sowohl für Angestellte als auch Beamte gelten.  

7) Ausnahme bei Verschlusssachen

Verschlusssachen und Informationen, die unter die ärztliche oder anwaltliche Verschwiegenheitspflicht oder das richterliche Beratungsgeheimnis fallen, deckt das Hinweisgeberschutzgesetz nicht ab.

Eine Ausnahme gilt allerdings für den geringsten Geheimhaltungsgrad „VS-Nur für den Dienstgebrauch“, solange es um strafbewehrte Verstöße geht und diese an eine interne Meldestelle gemeldet werden. Diese Ausnahme gilt nicht, wenn ein Dritter (gemäß § 14 Absatz 1) mit den Aufgaben der internen Meldestelle betraut ist. 

8) Sanktionen und Schadensersatzansprüche

Im Falle der Nichteinhaltung der gesetzlichen Anforderungen sieht das Gesetz Sanktionen gegen natürliche und juristische Personen vor.

Verstöße sollen als Ordnungswidrigkeiten nach § 30 OWiG mit einer Geldbuße geahndet werden. Darunter fallen z. B. das Behindern von Meldungen oder das Ergreifen von Repressalien, aber auch das wissentliche Offenlegen unrichtiger Informationen.

Der hinweisgebenden Person ist bei einem Verstoß gegen das Repressalienverbot der daraus entstehende Schaden zu ersetzen. Personen, die falsche Informationen weitergeben – vorsätzlich oder grob fahrlässig – müssen für den entstandenen Schaden aufkommen.

 

Einschätzung unseres Partners Florian Block von CMS zum Entwurf des Hinweisgeberschutzgesetz

Der Entwurf baut auf dem Referentenentwurf aus dem Dezember 2020 auf und enthält die wesentlichen Vorgaben, die Unternehmen für die Einführung eines Hinweisgebersystems benötigen. Erfreulich ist, dass der Entwurf über die Mindestanforderungen der EU-Hinweisgeberrichtlinie hinausgeht und Hinweisgeber auch bei Meldungen von Verstößen gegen nationales Recht geschützt sein sollen. Zu begrüßen sind zudem die überaus praxisrelevanten Hinweise zur möglichen Umsetzung im Konzern.

Ja. Auch dieser Entwurf sieht keine Pflicht zur Bearbeitung anonymer Hinweise vor. Gerade die Möglichkeit, anonyme Meldungen abzugeben, sorgt aber für den größtmöglichen Schutz von Hinweisgebern. Hier sollte nachgebessert werden. Geklärt werden sollte auch das Verhältnis der im Entwurf geregelten Löschfristen für Meldungen zu den entsprechenden Vorgaben der DSGVO. Sonst drohen hier in der Praxis erhebliche Unsicherheiten.

Die Implementierung eines Hinweisgebersystems ist angesichts der rechtlichen und organisatorischen Anforderungen ein komplexes Projekt. Unternehmen sollten sich daher bald mit der Umsetzung befassen und sich kompetenter beraten lassen. Dies gilt vor allem für international tätige Unternehmen, da hier die Vorgaben verschiedener Mitgliedsstaaten zu berücksichtigen sind. Es ist nun damit zu rechnen, dass das Gesetzgebungsverfahren zügig abgeschlossen sein wird. Viel Zeit bleibt dann nicht mehr.

Was bedeutet Hinweisgeberschutz?

Hinweisgeberschutz bedeutet, dass Personen (Hinweisgeber oder Whistleblower), die mit einer Meldung illegale Missstände aufdecken und damit die Gesellschaft unterstützen, vor Repressalien durch ein Gesetz geschützt sind. Zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt, die merkt, dass der Filialleiter verdorbene Lebensmittel umetikettiert; der Buchhalter, der entdeckt, dass der CEO seine privaten Reisen über das Firmenkonto finanziert – beide stellen sich vermutlich die gleiche Frage: Sollen sie den Missstand melden und so ihre Zukunft gefährden? Denn Hinweisgebende hatten es in der Vergangenheit oft nicht leicht. Wer auf Missstände hinweist, muss nicht nur um seinen Job bangen, sondern findet auch häufig keinen neuen.

Hinweisgebende genießen bisher keinen umfassenden Schutz, obwohl sie oft unter Einsatz großer beruflicher und privater Risiken die Gesellschaft über Missstände aufklären. Noch zu weit verbreitet ist die Stigmatisierung des „Denunzianten“ oder „Blockwarts“, dabei erfordert es viel Mut, Missstände offenzulegen.

Genau hier will das neue Gesetz ansetzen:

Es soll Whistleblower zukünftig vor Repressalien wie Kündigung, Abmahnung, Versagung einer Beförderung, geänderte Aufgabenübertragung, Rufschädigung, Disziplinarmaßnahmen, Diskriminierung oder Mobbing schützen. Für den Fall dass Hinweisgebende finanzielle Schäden durch Vergeltungsmaßnahmen erleiden, haben sie das Recht auf Entschädigung.

Was waren bisher die größten Streitpunkte beim Hinweisgeberschutzgesetz für Deutschland?

Beim ersten Entwurf missfiel der Union der Vorstoß der SPD, das Gesetz über die Vorgaben der EU hinaus auf das deutsche Recht auszuweiten und warf ihrer ehemaligen Koalitionspartnerin SPD vor, deutschen Unternehmen eine Mehrbelastung während der Pandemie zuzumuten. Die Union forderte daher, das deutsche Gesetz auf die Vorgaben der EU-Whistleblowing-Richtlinie zu beschränken. 

Die SPD hielt entgegen, dass Hinweisgeber in diesem Fall zwar Datenschutzverstöße melden könnten und dafür geschützt seien. Decke ein Hinweisgeber jedoch umfassenden Betrug auf – wie etwa im Fall Wirecard – würde er oder sie nach EU-Recht jedoch keineswegs vor Repressalien geschützt sein. Gleiches würde bei Verstößen gegen deutsche Straftatbestände, wie Korruption, Steuerhinterziehung oder Schmiergeldzahlungen gelten.

Auch zum zweiten Entwurf äußerte sich die CDU/CSU-Fraktion skeptisch und kündigte bereits an, dass HinSchG-E sei „alles andere als zustimmungsfähig“. So fehle es beispielsweise an Anreizen für Whistleblower, sich zuerst um die interne Klärung des Sachverhalts zu bemühen.

Kritik am Hinweisgeberschutzgesetz

Der Entwurf für das kommende Gesetz stößt allerdings auch anderweitig auf Kritik.

Besonders die Nichtregierungsorganisation Transparency International Deutschland e.V. sieht an einigen Stellen Verbesserungsbedarf, allen voran beim Umgang mit Meldungen ohne Klarnamen: „Alle Unternehmen und Behörden müssten verpflichtet werden, anonymen Meldungen nachzugehen. Größere Unternehmen und externe Meldebehörden müssten darüber hinaus verpflichtet werden, anonyme Meldemöglichkeiten einzurichten. Dies ist im Gesetzentwurf nicht vorgesehen. Seltsam mutet an, dass im Entwurf nicht-anonyme Meldungen gegenüber anonymen Meldungen Vorrang genießen sollen, unabhängig von der Dringlichkeit“, erklärt Dr. Sebastian Oelrich, Co-Leiter der Arbeitsgruppe Hinweisgeberschutz von Transparency Deutschland.

Annegret Falter, Vorsitzende des Whistleblower-Netzwerks begrüßt den Entwurf zwar als großen Fortschritt, sieht aber auch einige Schutzlücken für Hinweisgebende, vor allem im Bereich von Verschlusssachen. Das Gesetz schützt dann nur die Meldungen, „wenn sie sich auf die unterste Geheimhaltungsstufe beziehen, Straftaten betreffen und absolut behördenintern bleiben“. 

 

Unsere Tipps für Unternehmen

Nach der EU-DSGVO und dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ist das Hinweisgeberschutzgesetz die nächste Compliance Regulierung mit einem breiten Spektrum betroffener Organisationen. 

 

1.) Nicht zu lange auf das Gesetz warten

Die Firmen sollten sich rechtzeitig um die Einrichtung professioneller Compliance-Strukturen kümmern, um die Meldung des Whistleblowers über externe Meldekanäle zu verhindern. Die Praxis zeigt, dass ein Hinweisgebersystem insbesondere dann erfolgreich ist, wenn es in eine vertrauensvolle und transparente Unternehmenskultur eingebettet ist.

2.) Information und Kommunikation sind das A und O

Je besser die Kanäle wie z. B. ein internes Hinweisgebersystem kommuniziert werden und auf der Website oder im Intranet aufzufinden sind, desto mehr Mitarbeitende haben davon Kenntnis und können bei Bedarf darauf zurückgreifen. Alle relevanten Informationen über das Gesetz müssen demnach für Mitarbeiter leicht verständlich zugänglich sein.

In unserem White Paper „Hinweisgeberschutz für Unternehmen“ finden Sie viele inspirierende Beispiele für eine gelungene Kommunikation des Hinweisgebersystems in Firmen und im öffentlichen Sektor!

3.) Best Practice: Digitale Hinweisgebersysteme

Der professionelle Einsatz von digitalen Hinweisgebersystemen in Unternehmen und im öffentlichen Sektor kann viele Verbrechen und Skandale verhindern oder aufklären. Positiv ist, dass immer mehr Organisationen ein Hinweisgebersystem zur internen und externen Meldeabgabe einführen. Vor dem Hintergrund der kommenden EU-Richtlinie und der Umsetzung in nationales Recht, wird sich diese Entwicklung noch weiter fortsetzen.

Ist ein Hinweisgebersystem innerhalb eines Compliance-Management-Systems bereits vorhanden, sollten Unternehmen dieses auf die Vorgaben der Richtlinie anpassen, damit sie Dokumentations- und Informationspflichten nachkommen und somit Rechtsunsicherheiten vermeiden.

4.) Effektiver Whistleblowerschutz auch für KMU möglich ohne hohe Kosten

Auch für mittelständische und kleine Firmen gibt es bereits kostengünstige Lösungen. Oftmals wird ein digitales System auch mit einer Ombudsperson von außen, oft eine Anwältin oder ein Anwalt einer externen Kanzlei,  kombiniert.

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Whistleblowing-Gesetze in der Europäischen Union

Ein Blick auf die Umsetzung der EU-Whistleblowing-Richtlinie in den EU-Mitgliedsstaaten

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Moritz Homann contact image | integrityline.com
Moritz Homann
Managing Director Corporate Compliance | EQS Group
Moritz Homann verantwortet beim Münchner Technologieanbieter EQS Group den Produktbereich Corporate Compliance. In dieser Funktion betreut er die strategische Entwicklung digitaler Workflow-​Lösungen, die auf die Bedürfnisse von Compliance-​Beauftragten auf der ganzen Welt zugeschnitten sind.